Bundesliga-Rechtsstreit

Da die Regeln im Schach immer wieder Fragen aufwerfen, können sie hier gestellt werden.
Regelkundige helfen dann die Antwort zu finden.

Bundesliga-Rechtsstreit

Beitragvon Lothar » 6. Mai 2012, 22:47

Bundesliga: Protestfall verhindert Aufstieg

Ein Protestfall verhindert derzeit den Aufstieg des SK Norderstedt aus der Zweiten Liga Nord in die Erste Bundesliga. Dabei geht es um das verspätete Eintreffen der Mannschaft SK Norderstedt in Runde 5 bei Gastgeber Berlin-Oberschöneweide aufgrund großer Verspätung der Bahn. Der Schiedsrichter vor Ort entschied im Sinne des Schachs und verlegte den Wettkampf um eine Stunde wegen "höherer Gewalt". Oberschöneweide spielte, verlor den Wettkampf mit 2,5:5,5 und protestierte dann gegen die Entscheidung. Turnierdirektor Ralph Alt wies den Protest ab. Das Bundesturniergericht entschied nun jedoch zugunsten der Berliner, übersah dabei aber ebenso wie Ralph Alt eine verkürzte Verfristungsklausel der Turnierordnung - der Protest hätte laut Argumentation des SK Norderstedt gar nicht erste angenommen werden dürfen. Für die Schachfreunde von Oberschöneweide hat der Richterspruch am Ende der Saison keine sportlichen Auswirkungen- am Abstieg mangels Punkten ist nicht zu rütteln. Der SK Norderstedt fällt jedoch auf Platz vier zurück und steigt nach derzeitigem Stand nicht auf. Da die davor liegenden Werder Bremen II und HSK II nicht aufsteigen können und Neukloster offenbar verzichten will, aber nur die ersten drei Mannschaften für einen Aufstieg berechtigt sind, gäbe es keinen Nordaufsteiger. Der SK Norderstedt droht nun mit einer einstweiligen Verfügung vor einem ordentlichen Gericht, bietet aber in einem Schreiben an DSB-Präsident Bastian eine gütliche Einigung an, falls das aus seiner Sicht rechtswidrige Urteil revidiert wird.
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Re: Bundesliga-Rechtsstreit

Beitragvon Georg Heinze » 7. Mai 2012, 08:39

Ja, was soll man dazu sagen?
So ganz einfach scheint der Sachverhalt nicht zu sein, sonst hätte das Bundesturniergericht nicht eine andere Entscheidung gefällt als der SR vor Ort und der Bundesturnierdirektor.
Bei Fällen "höherer Gewalt" gibt es die Möglichkeit der Terminverlegung. Das kann -wie hier offensichtlich praktiziert- die Verlegung um 1 Stunde, aber auch eine Neuansetzung des Wettkampfes sein.
Die entscheidende Frage ist: was ist "höhere Gewalt"? Da wurden auch schon in Sachsen Fehlurteile gefällt.
Was nun die verkürzte "Verfristungsklausel" anbelangt, muss man die Turnierordnung und den Termin des Protesteingangs genau kennen.

Übrigens: die einzigen Punkte, die die Berliner holten, waren die zugesprochenen Punkte aus diesem 8 : 0.

Vor Jahren, in der Saison 2009/10, gab es auch schon mal einen Protestfall "im hohen Norden", in der Oberliga Nord / Nord. Da ging es allerdings nicht um "höhere Gewalt", sondern um den Einsatz eines unberechtigten Spielers:


8:0-Wertung in der Oberliga NN

Hier nochmal in Kurzform: Neukloster hat gegen Neumünster einen nicht spielberechtigten Spieler eingesetzt. Das Wettkampfergebnis von 7:1 wurde auf 0:8 geändert. Dadurch ist Neukloster abgestiegen - sicher zurecht. Egal wie das Match Neukloster ./. Neumünster ausgeht, wäre Pinneberg abgestiegen.
Nun aber entstand das 8:0 am grünen Tisch, worauf Jürgen Kohlstädt bei Neumünster und Pinneberg (1:7 gegen Neukloster) die erzielten Punkte gegen Neukloster wieder abzog. Daraufhin hatte Pinneberg unverhofft den Klassenerhalt geschafft, was einem Sechser im Lotto gleichkommt und sportlich nie möglich gewesen wäre. Neumünster wiederum wurde mit dem Abstieg bestraft, weil Gegner Neukloster mit einer falschen Aufstellung spielte. Absurd!

Noch absurder wird es, wenn Neumünster den Wettkampf gegen Neukloster sportlich gewonnen hätte - egal ob 4½:3½ oder vielleicht sogar 8:0. Daraus wäre am grünen Tisch ein Schiedsrichter-8:0 geworden - und Neumünster wäre trotz sportlich erzieltem Klassenerhalt abgestiegen.

Ich will Neukloster nichts unterstellen, aber es würde zwei Szenarien ermöglichen. Neukloster stellt sich folgende Fragen:

a) Wie erreichen wir, das wir trotz sportlicher 0:8-Niederlage gegen Neumünster, unseren Gegner mit in die Landesliga katapultieren? Wir setzen einen nicht spielberechtigten Spieler ein!

b) Wie erreichen wir, das Pinneberg die Klasse hält? Wir setzen einen nicht spielberechtigten Spieler ein.
G.H.
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Re: Bundesliga-Rechtsstreit

Beitragvon Georg Heinze » 7. Mai 2012, 14:10

Außer dem Artikel, den Lothar zitiert hat, http://www.chessbase.de/
(02.05.12)

gibt es noch eine Reihe weiterer Ausführungen zum Thema:

http://srk.schachbund.de/include/frame. ... =ordnungen

http://www.berlinerschachverband.de/entry/489

http://tsg-oberschöneweide.de/index.php/neuigkeiten/123-rechtsstreit-gewonnen

http://www.sknorderstedt.de/aktuell.htm ... mannschaft
(02.05.2012)

http://www.schachfeld.de/f14/schachbund ... ndex2.html

Obwohl die Meinungen tlw. erheblich auseinander gehen, sind eine Reihe von Fakten interessant und für die Beurteilung maßgeblich, u.a.:
1. Was ist höhere Gewalt?
2. Welche Befugnisse hat der Schiedsrichter in so einem Fall?
3. Welche Erfordernisse sind der anreisenden Mannschaft zumutbar?
4. Darf ich einen Wettkampf aufnehmen, um dann zu protestieren?
5. Darf ein Protest behandelt werden, obwohl Fristversäumnis vorliegt?
6. Darf ich vor ein Ordentliches Gericht gehen, wenn die Sportgerichtsbarkeit nach meinem Verständnis versagt?
Diese und weitere Fragen werden in den Meinungsäußerungen angesprochen bzw. wurden als Entscheidungsgrundlage genommen.

Im übrigen wurde ein weiteres, bisher weitgehend unbekanntes Thema angesprochen (Entscheidung des Bundesturnierdirektors u.a.): angesetzter Spielbeginn und tatsächlicher Spielbeginn.
Auf dieses Thema, dass mit den ab 01.07.2009 gültigen FIDE-Regeln und der nunmehr eingeführten Karenzzeit einhergeht, werde ich nochmals separat zu sprechen kommen.
G.H.
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Re: Bundesliga-Rechtsstreit

Beitragvon Lothar » 26. Mai 2012, 19:27

Norderstedt vs. DSB: Vernunft siegt

Der SK Norderstedt und der Deutsche Schachbund haben sich im Streitfall um den Aufstieg außergerichtlich geeinigt. Nachdem der TSK Oberschöneweide gegenüber dem Schachbund erklärt hat, dass er ungeachtet seiner Rechtsauffassung an seinem Protest gegen die Wertung des Kampfes gegen den SK Norderstedt nicht mehr festhalte, sah der DSB die Möglichkeit zu einer außergerichtlichen Einigung mit dem SK Norderstedt. Norderstedt hatte die Zweite Liga Nord eigentlich gewonnen, war aber nach einem Protest gegen die Wertung des Wettkampfes gegen Oberschöneweide in letzter Instanz des DSB auf Rang vier zurück gestuft worden. Mit Hinweis auf die Verfristung des Protestes hatte Norderstedt den DSB deshalb beim Landesgericht Berlin verklagt. Der Protest von Oberschöneweide war inzwischen schon längst ad absurdum geführt, weil die Berliner dennoch abgestiegen sind, während Norderstedt nach Rückzug von Neukloster hinter Bremen 2 und HSK 2 als Vierte immer noch erster Aufstiegsanwärter war. Nun ist also Norderstedt definitiv neben Wiesbaden, Forchheim und Griesheim der vierte Aufsteiger.
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Re: Bundesliga-Rechtsstreit

Beitragvon Georg Heinze » 26. Mai 2012, 21:46

Ja, ich denke, der RA Martin Fischer, der den SK Norderstedt vor Gericht vertreten hätte, bringt es auf den Punkt:
Siehe unter Beitrag 110 auf http://www.berlinerschachverband.de/entry/489

[color=#FF8000]Martin Fischer am 24. Mai 2012, 09:06 Uhr :
Ohne dass ich nun alle Details des Rechtsstreits und des Vergleichsschlusses offen legen will, so möchte ich doch im Hinblick auf den letzten, eher polemischen, Kommentar auf Folgendes hinweisen:
1. Der Wettkampf zwischen der TSG und dem SK Norderstedt war am 15. Januar 2012. Ebenso - naturgemäß - die Entscheidung des Schiedsrichters. Der Protest der TSG datiert vom 19. Januar 2012. Für Proteste gegen derartige Entscheidungen des Schiedsrichters ist die Protestfrist nur drei Tage.
2. Nach TO galt der Protest, da verspätet, als nicht eingelegt. Weder der Bundesturnierdirektor noch das Bundesturniergericht hätten daher in der Sache entscheiden dürfen.
3. Der SK Norderstedt hatte vor dem LG Berlin insbesondere, neben anderen Aspekten, auf diesen Punkt und seinen Anspruch, dass die Regularien insoweit eingehalten werden, hingewiesen. Auch wenn ich, als Anwalt des SKN, sicherlich nicht objektiv bin, denke ich, dass die Chancen des DSB im Gerichtsverfahren eher mau waren. Andererseits drohten erhebliche Kosten, so dass der Vergleichsschluss, über den nach meiner Kenntis Herr Bastian nicht allein entschieden hat, vernünftig war.
[/color]
G.H.
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Re: Bundesliga-Rechtsstreit

Beitragvon Georg Heinze » 29. Jul 2012, 09:41

Mittlerweile wurde eine Änderung der DSB-Turnierordnung beschlossen.
Unter H-2.10 heißt es jetzt:
"Ist eine Mannschaft oder ein einzelner Spieler einer Mannschaft auf Grund nicht vorhersehbarer Umstände gehindert, rechtzeitig zum vereinbarten Spieltermin zu erscheinen, dann entscheidet der Schiedsrichter nach pflichtgemäßem Ermessen, wann der Wettkampf bzw. die einzelne Partie beginnt und wie die Uhren einzustellen sind."

Siehe unter: http://www.schachbund.de/
Der hier dargestellte Sachverhalt wäre danach in der vom SR gehandhabten Weise durch die Turnierordnung gedeckt.
Allerdings sind Begriffe wie "nicht vorhersehbare Umstände" und "pflichtgemäßes Ermessen" sehr dehnbar und erfordern sehr verantwortungsvollen Umgang.
G.H.
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